Mobilität als Trumpf für den Berufs­einstieg

Der 4. Deutsch-Französische Berufsbildungstag fand am 23.03.2017 in Paris statt.

Meldung übernommen von: https://www.berufsbildungstag.com/

"Erasmus plus verkörpert, was das Schönste an Europa ist"

Von Birgit Holzer

Es war im Jahr 1998, als in der Pariser Sorbonne-Universität die EU-weite Harmonisierung der Hochschulsysteme beschlossen wurde, die seither Millionen Studenten eine Austauscherfahrung ermöglichte - Stichwort Bologna-Prozess. Fast 20 Jahre später trafen sich wieder in der Sorbonne Vertreter von Institutionen, Kammern, Ministerien, Schulen und Unternehmen, um diese Chance verstärkt auch jungen Menschen zu geben, die bislang seltener beruflich Grenzen überschreiten: Lehrlingen und Auszubildenden.

Beim vierten Deutsch-Französischen Berufsbildungstag stellte die AHK die Mobilität als Plus für den Berufseinstieg in den Mittelpunkt. Im 60. Jahr nach Unterzeichnung der Römischen Verträge hob Harlem Désir, französischer Staatssekretär für europäische Angelegenheiten, das Programm Erasmus, das zu Erasmus plus wurde, als großen Erfolg hervor: "Es verkörpert, was das Schönste an Europa ist: Das Entdecken von anderen Ländern und Gesellschaften, der Austausch und das Eintauchen in eine andere Welt." Wenn künftig nicht nur Studenten, sondern auch Auszubildende davon profitierten, erhöhe das nicht nur ihre Beschäftigungschancen - es verstärke auch das Gefühl, europäischer Bürger zu sein. Jedem jungen Europäer solle daher in Zukunft eine Mobilitätserfahrung ermöglicht werden. In einer Podiumsdiskussion unter anderem mit Harlem Désir wurde die Frage nach dem Mehrwert der Mobilität für den Start ins Berufsleben aufgeworfen. Julien Lespérat, ehemaliger Auszubildender bei BASF France, berichtete von seiner persönlichen Erfahrung, die er mehrere Wochen am Firmensitz in Deutschland gemacht hatte: "Das hat mir ermöglicht, neue Facetten des Unternehmens kennenzulernen, brachte mich aber auch in sozialer oder kultureller Hinsicht stark weiter." Dass eine Antragstellung bürokratisch und komplex sei, räumte Sébastien Thierry, stellvertretender Leiter der Agentur Erasmus plus Frankreich, ein: "Diese Programme müssen eben bestimmten Qualitäts-Kriterien genügen." Von den positiven Erfahrungen bei Airbus als einem der teilnehmenden Unternehmen am deutsch-französischen Pilotprojekt für Erasmus plus berichtete Michel Sesquès, Executive VP Human Resources bei Airbus Defence & Space. Über eine interne Plattform können sich dort Auszubildende bewerben - momentan gebe es rund 60 Interessierte -, untereinander austauschen, über die Finanzierung eines Austauschs sowie die Infrastruktur mit Tutoren im Empfangsland informieren. "Viele unserer Auszubildenden bewegen sich höchstens in einem Umkreis von 45 Kilometern ihres Heimatortes", so Sesquès. "Wir wollen Grenzen öffnen, damit sich ihr Horizont erweitert." João Santos von der Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Inklusion der EU-Kommission beschrieb eine paradoxe Situation: Während in einigen EU-Mitgliedstaaten wie Spanien oder Frankreich hohe Jugendarbeitslosigkeit herrsche, hätten Unternehmen in anderen Ländern Probleme, kompetente Nachwuchskräfte zu finden. "Das System der Ausbildung ist die beste Antwort, um Qualifikationen zu entwickeln", so Santos. "Wer dabei eine Mobilitätserfahrung macht, wird offener, flexibler und mobiler, um in Ländern zu arbeiten, wo es mehr Jobangebote gibt." Ziel der EU-Kommission sei es, dass sechs Prozent aller Auszubildenden zeitweise ins Ausland gehen - 2016 wurden hingegen nur rund 120.000 Personen unterstützt, also weniger als ein Prozent. Jean-Philippe Plasson, Leiter der Personalabteilung bei BASF France, erklärte, das Prinzip der Mobilität müsse in den Ausbildungsstrukturen verankert werden, so wie es im Bereich der Universitäten längst der Fall ist. Entscheidend sei die Einbindung aller Partner, auch der Ausbilder und Lehrer: So lasse BASF France zur Vorbereitung erstmals einen deutschen Ausbilder nach Frankreich kommen. Einer der wichtigsten Motoren für den Austausch ist das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW), das pro Jahr rund 10.000 Teilnehmern begleitende Mobilitätsprogramme ermöglicht, wie DFJW-Generalsekretär Dr. Markus Ingenlath ausführte. Ein besonderer Schwerpunkt liege darauf, junge Leute mit besonderem Förderbedarf anzusprechen, die sonst nicht die Chance für einen Auslandsaufenthalt hätten. Eine weite Bandbreite für Mobilitätshilfen - von Zuschüssen über Kulturprogramme und Sprachkurse - präsentierten zudem Sylvie Ahier und Frederik Stiefenhofer als Delegierte des Deutsch-Französischen Sekretariats für den Austausch in der beruflichen Bildung. Auch Jugendliche selbst kamen zu Wort, um von ihren Mobilitätserfahrungen zu berichten. Der 17-jährige Antonin Lefèbre, der eine Ausbildung zum Systemelektroniker macht, verbrachte drei Wochen in Bonn, wo er in Elektronikbetrieben mit anpacken durfte: "Ich war überrascht, dass man mir gleich so vertraut. In Frankreich macht man meistens nur Schnupperpraktika (stages d`observation)." Peter Reichardt, Auszubildender als Zimmermann am Berufskolleg Simmerath-Stolberg, berichtete von seinen wertvollen sozialen und beruflichen Erlebnissen in Frankreich: "Französische Zimmermänner sagen, dass der Dachstuhl ein Möbelstück ist und nicht nur ein Bauwerk. Davon nehme ich etwas mit und habe das Gartenhaus meiner Eltern nach französischem Vorbild gebaut."Wie Mobilitätsprogramme noch effizienter gefördert werden können und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt, behandelte eine weitere Podiumsdiskussion. Das Ziel in Deutschland, bis 2020 zehn Prozent der jungen Auszubildenden mobil zu machen, lasse sich nur mit der vollen Kooperation aller Partner erreichen, sagte Klaus Fahle, Leiter der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Um "von vielen guten Projekten zu einer erfolgreichen Struktur" zu gelangen sei ein Netzwerk unabdingbar: "Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Wirtschaft immer vernetzter und globaler wird", so Fahle. "Was Deutschland und Frankreich angeht, gibt es noch viel Luft nach oben."Das bestätigte Barbara Fabian, Leiterin des Referats EU-Bildungspolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag: Man müsse die Betriebe beraten und oft auch überzeugen, dass ihre Attraktivität im Wettbewerb um Auszubildende steigt, wenn sie diesen Auslandsaufenthalte ermöglichen. Patrice Guezou, Leiter für den Bereich Beschäftigung, Ausbildung und Unternehmertum beim Französischen Handelskammerverband, zufolge geht es nicht nur darum, die Mobilität der jungen Leute zu erleichtern - sondern auch ihrer Ausbilder und Lehrer. Das bestätigte Alain Druelles, Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung beim französischen Unternehmerverband MEDEF. Der hohe Bürokratie-Aufwand habe viele Schulen von einer Teilnahme abgehalten, betonte François Neuville, Akademischer Beauftragter für europäische und internationale Beziehungen und Kooperation an der Akademie von Paris. Ein besonderer Schwerpunkt herrsche dabei auf dem Austausch mit Deutschland. Brigitte Trocmé vom französischen Ministerium für Bildung, Hochschulen und Forschung zufolge werden bereits Möglichkeiten zur Evaluierung von im Ausland erworbenen Kompetenzen und deren Anerkennung experimentiert. Sylvie Hel-Thelier vom französischen Ministerium für Stadtentwicklung, Jugend und Sport ergänzte, es gebe ein großes Angebot an Mobilitätsprogrammen - aber vielen jungen Menschen falle es schwer, sich darin zurechtzufinden. Der Orientierung diene dabei die Plattform "Découvrir le monde" auf der Homepage des Jugendministeriums mit einer Suchmaschine je nach Profil. Dorothee Wassener, Leiterin des Büro II des Bevollmächtigten für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrages über die Deutsch-Französische Zusammenarbeit, stellte darüber hinaus die Initiative "Ecoles-Entreprises" vor als ein Werkzeug, um Schulen und Unternehmen zusammenzuführen und Praktika zu vermitteln und an dem viele Partner beteiligt seien. Abschließend forderte Clotilde Valter, französische Staatssekretärin für berufliche Bildung und betriebliche Berufsausbildung im französischen Arbeitsministerium, mehr Ehrgeiz, um Mobilität junger Auszubildender auf längere Zeiträume auszudehnen, sowie die verschiedenen Ausbildungsmodelle und Kalender in den Staaten anzupassen. "Die Mobilität", so die Staatssekretärin, "soll ein weiter Raum über die deutsch-französische Partnerschaft und sogar über Europa hinaus."

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